Grundbedürfnis #1 – Pferde müssen sich bewegen können!

Der Bewegungstrieb, das seit Jahrmillionen unaufhörliche Gesetz der Bewegung spielt anatomisch, physisch und auch psychisch im Leben des Pferdes eine elementare Rolle! Er hat dem Pferd in seiner Entwicklungsgeschichte sein Überleben gesichert und ist fest im Erbgut der Pferde verankert. In ihrer Evolution sorgte er dafür, dass sie sich gegenüber Ihren Feinden behaupten und großflächig verbreiten konnten – nur die Starken und Schnellen hatten eine Chance. Bei kaum einem anderen Tier ist diese Bewegungslust so ausgeprägt und dominant wie beim Pferd. Beschränkt man es  in seinen Bewegungsmöglichkeiten, nimmt man ihm einen Teil seines Lebens. So sind beispielsweise bei Pferden in Boxenhaltung früher oder später körperliche und seelische Schäden vorprogrammiert.

Bewegungdruck Ursache für Anatomie, Physiologie und Psyche des Pferdes

Achtung! Fälschlicher Weise wird bei den Begriffen “Bewegungstier“ oder “Lauftier“ angenommen, dass Pferde pausenlos in Bewegung sein wollen und nur im Galopp durch die Gegend pesen. Dem ist nicht so. Damit ist gemeint, dass Pferde die Freiheit haben müssen, sich jederzeit uneingeschränkt bewegen zu können, wann immer es ihnen beliebt.

Wild lebende Pferde legen täglich große Strecken zurück, denn nur so können sie bei dem oft kargen Nahrungsangebot ihren täglichen Nährstoffbedarf decken. Sie sind also den Großteil des Tages (ca. 16 Stunden) auf Futtersuche.

Hier bewegen Sie sich vornehmlich im Schritt, der langsamsten und natürlichen Gangart des Pferdes und Zeichen völliger Sicherheit und psychischer Ausgeglichenheit. Damit schont das Pferd seine Kraftreserven, die im Falle einer Flucht benötigt werden.

Aus diesem Grund überwinden Wildpferde Hindernisse auch grundsätzlich nicht durch Springen, denn ihr Instinkt rät ihnen Ihre Energie nicht unnötig zu verschwenden. Nur wenn es sich wirklich nicht umgehen lässt, springen sie freiwillig um ein Hindernis zu passieren.

Dieses stetige Nomadenleben aufgrund sich verändernder Vegetation und jahreszeitlicher Vegetationswechsel war der Anreiz für Organismus und Bewegungsapparat des Urpferdes (z. B. Herz und Kreislauf, Atmungs- und Verdauungsorgane, Sehnen, Muskeln, Bänder etc.) sich über Jahrmillionen entsprechend anzupassen (siehe auch Blogartikel “Wie die Evolution des Pferdes Ihnen hilft Ihr Pferd zu verstehen“).

Nicht nur die Hufe, die Gliedmaßen und der restliche Körperbau sind beim Pferd speziell für die Bewegung, für das Laufen über große Strecken ausgebildet.

Das Euter beispielsweise hat ebenfalls eine Anpassung  darauf hin erfahren. Für ein so großes Tier ist es relativ klein dimensioniert sowie sehr dicht und fest zwischen den Schenkeln der Stute angesetzt – aber nicht ohne Grund.Mutter Natur hat vorgesorgt. In freier Wildbahn muss die Stute nach der Geburt des Fohlens und dem Einschießen der Milch ins Euter bei Gefahr dennoch lange Strecken zurück legen können.

Eine Stute mit dem Euter einer Milchkuh wäre hier sicherlich dem Tod geweiht.

Dem aber noch nicht genug: Das verhältnismäßig kleine Euter produziert demnach eine für ein Fohlen eine relativ geringe Milchmenge. Ein Fohlen muss damit sehr oft trinken, um seinen Nahrungs-Bedarf (bis zu 20 l/ Tag) zu decken.

Diese häufigen kleinen Milch-Portionen sind jedoch für das Fohlen überlebenswichtig, denn es muss von Geburt an schnell und ohne zu zögern vor Gefahren mit der Herde im Galopp flüchten können. Ein großer voller Magen wäre in einer Gefahrensituation hinderlich.

Das Pferd ist also durch seine Evolution anatomisch, physiologisch und psychisch auf die ständige Bewegung geprägt und von Natur aus als Fluchttier konzipiert. Bereits Stunden nach der Geburt ist das Pferd ein hochentwickelter Nestflüchter.

Es hat es nicht nötig das Davonlaufen zu trainieren. Es ist durchaus im Stande, bei Gefahr aus dem Stand in vollem Tempo loszugaloppieren, auch wenn es niemals dafür trainiert hat.

Nur die Fohlen brauchen viele kleinere und größere Galoppaden, um die Fähigkeiten ihrer Muskeln und ihres Kreislaufs an die ständig zunehmende Körpermasse anzupassen.Die erwachsenen Pferde halten durch viele kleine Schritte tags und nachts ihre Gelenke, aber auch Kreislauf und Muskelmasse in Kondition (sofern Sie sich jederzeit frei bewegen können).

Durch die Gelegenheit sich jederzeit zu bewegen, werden auch Verspannungen schnell abgebaut, sofern sie überhaupt auftreten.

 Zu wenig Bewegung schadet Körper und Geist

Denken Sie einmal an die gepflegten edlen Reitpferde die 23 Stunden täglich im Stall in einer feinen penibelst sauberen Box mit vergoldeten Kugeln am Gitterabschluss stehen um dann eine knappe Stunde longiert oder geritten werden und danach wieder in beengte Verhältnisse und in  „Einzelhaft“ kommen.

Bei Boxenpferden, die unnatürlicher Weise den ganzen Tag über in der Box stehen und damit in ihrer Bewegungsmöglichkeit ganz oder teilweise eingeschränkt sind, sind sowohl körperliche als auch seelische Störungen vorprogrammiert:

Lahmheiten, Atemwegserkrankungen, Verdauungsstörungen, Fruchtbarkeits- und Verhaltensstörungen oder sich häufende Verletzungen durch Unausgeglichenheit sind die Folge (siehe dazu auch  Punkt “Bewegung“ im Blogartikel “Den Grundbedürfnissen auf der Spur“).

Zum Bewegen gehört auch das Buckeln und Ausschlagen, das besonders für die verspannten Rückenmuskeln mancher Reitpferde so dringend nötig wäre. Doch weder ist das in der Box möglich, noch wird es ihnen unter dem Reiter erlaubt.

Auch das ausgiebige und genussvolle Wälzen bleibt Boxenpferden verwehrt.

Möglicherweise zählt ihr Pferd sogar zu dazu. Ein schönes Leben sieht anders aus …

Ein wesentlicher Teil des Bewegungstriebs des Pferdes ist das Spiel mit den Artgenossen. Ähnlich wie bei kleinen Kindern können jungen Pferde geradezu unermüdlich die Stunden auf der Weide im Spiel verbringen.

Spielen ist dabei immer extreme Bewegung. Herumtollen, sich gegenseitig verfolgen oder sich in aufrechter Hinterhand Stellung mit den Vorderbeinen berühren. Ausgelassene Spiellust ist geradezu eine Wesensart junger Pferde. Nichts ist schöner als ihnen im Spiel zuzusehen.

Das Temperament ist atemberaubend und man ist verwundert, dass trotz des großen körperlichen Einsatzes eigentlich kaum etwas passiert – die Körperbeherrschung ist beachtlich. Trotz aller Kühnheit spürt man, das es eine psychische Hemmschwelle gibt, die die Tiere davor bewahrt sich gegenseitig zu verletzen.

Dies ist ein Aspekt der auch bei allen anderen Tieren zu beobachten ist, der dem Menschen offensichtlich im Zuge der Evolution wohl teilweise verloren gegangen ist.

Spiel bedeutet Bewegung, Bewegung bedeutet Entwicklung

Als prädestinierte Tiere der Geselligkeit kann sich der Spieltrieb von Pferden aber nur in der sozialen Gemeinschaft entwickelten.

Fohlen und jungen Pferden, die ohne den Kontakt mit anderen  Jungpferden aufwachsen, die nie eine Koppel oder ein freies Feld erlebt haben und die das gegenseitige Kräftemessen überhaupt nicht kennen gelernt haben, fehlt ein wichtiges prägendes Teil ihrer Entwicklung.

Oft sind sie auf diesem entscheidenden Gebiet unterentwickelt oder sogar verkümmert. Diesen Rückstand kann keine noch so gewissenhafte Betreuung jemals mehr ausgleichen.

Das Ausleben des Bewegungstriebes in der sozialen Gemeinschaft ist für (heranwachsende) Pferde also von ernormer Bedeutung und unverzichtbar …

 Bewegung will gelernt sein, der Einfluss auf Gesundheit und Reitgefühl

Wird dem Lauftrieb eines Pferdes nachhaltig nicht genüge getan, hat das wie schon erwähnt sowohl physische als auch psychische Konsequenzen für das Pferd und weiter gedacht auch für Sie als Reiterin oder Reiter.

Psychisch wird beim Pferd der Wille zum Vorwärts unterdrückt oder entsteht gar nicht erst. Physisch wird der Bewegungsapparat nicht richtig eingeübt, eher lahmgelegt. Das Tier erleidet nicht nur Schaden am unterentwickelten Bewegungsapparat, auch das Herz hat kaum Kraft, die Lungenflügel arbeiten unzureichend oder die Sehnen und Bänder sind zu weich in ihrer Grundsubstanz.

Solche Pferde schlurfen dann permanent daher, stolpern häufig, verhalten sich arhytmisch, sind körperlich und seelisch aus dem Takt. Den damit verbundenen Balanceverlust überspielen sie, indem sie sich geistig und körperlich fest machen. Sie reagieren verzögert, werden faul und starrsinnig oder eher stumpf.

Sie machen sich hart im Maul und sowohl fest in Hals und Genick als auch im ganzen Körper. So tragen sie täglich ihre Reiter zu Lasten ihrer Gesundheit und mit geringer Lebensfreude durch die Halle oder durchs Gelände. Dadurch sind auch die Lebenserwartung.

Ein gutes Reitgefühl können Ihnen solche Pferde kaum vermitteln, da ihnen einfach der Schwung im Bewegungsablauf, das Durchlaufen der Bewegung in jede Muskelfaser, die Durchlässigkeit fehlt.

Der normale, richtig entwickelte Bewegungsablauf des Pferdes ist dem Reiter überhaupt nicht bekannt. Oft wird triebiges oder verhaltenes Gehen auch noch dadurch unterstützt, dass sich der Reiter am Zügel festhält oder hinter der Bewegung des Pferdes einsitzt.

So wird einem ein unnatürliches, unechtes Gefühl für das Gangbild seines Pferdes eingeschliffen und es verändert Takt und Raumgriff und verlangsamt den Rhythmus, was manchen Menschen mit Unsicherheit oder Fallängsten im Sattel ein trügerisch sicheres Gefühl vermitteln mag.

Aber Achtung, es kann gefährlich werden. In Wirklichkeit ist das feste, verhaltene oder triebig faule Pferd nicht bei der Sache. Nichtigkeiten können es zum Explodieren bringen, wenn es plötzlich „aufwacht“, andere Artgenossen wiederum bleiben zu jeder Zeit faul und stumpf im Gang.

Mit der Zeit versteifen solche Pferde mit Arthrosen im Huf oder an den anderen großen Gelenken. Sie entwickelen alle Arten von Lahmheiten, Atemstörungen, Haut- und Herzfehlern.

Spätestens dann macht Bewegung weder dem Pferd noch Ihnen als Reiterin oder Reiter Spaß und die gesundheitliche Beeinträchtigung ist erheblich.

Bedenken Sie, dass Ihr Pferd jedes Gefühl, das es im Körper hat, an Sie weiter gibt!

Achten Sie daher bei schon bei der Pferdehaltung auf besonders artgerechte Haltungssysteme wie Offenställe oder noch besser Laufställe.

Neben Turnierreitern sollten sich auch Freizeitreiter zwingend mit der Reitlehre beschäftigen, um für ihr Pferd und damit auch für sich selbst den Grundstein für ein tolles Reitgefühl zu legen.

Freizeitpferde sind und bleiben auch nur dann gesund, wenn sie gut gymnastiziert und sensibel geritten werden. Das erfordert nicht immer einen langen Zügel, sondern Wissen um die Qualität des Sitzes sowie der Anlehnung als auch viele andere Faktoren.

Beitragsbild: www.flickr.com – Jetaliah Jade 2007 von waumi

Bild Euter der Stute: www.flickr.com – Mom, I’m so thirsty! von Tambako the Jaguar

Bild Fohlen in Bewegung: www.flickr.com – Space Kadett Kyle pistelee täysillä von smerikal

Bild Pferd in Box: www.flickr.com – Awaiting Release von Avia Venefica

Bild Pferd beim Buckeln: www.flickr.com – Yeehaw! von pmarkham

Bild Pferde im Spiel: www.flickr.com – Surly Horses von cone_dmn

Bild Freude am Reiten bei Pferd und Mensch: www.flickr.com – Horse Riders, in late evening light with sun sunset reflecting i von mikebairdn

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